Biber, Bagger und
Facebook-Debatten
Renaturierung des Liesingbachs
von Melanie Tschiedel & Anna Moser
Video: © Herbert Bergmann
Der Liesingbach ist ein Bach voller Gegensätze: Natur und Stadt, Biberburgen und Betonwände, Erholung und Hochwasserschutz. Während die einen ihn als Rückzugsort für Tiere und Menschen feiern, sehen andere Baustellen, Kosten und Konflikte. Auf 30 Kilometern erzählt der Liesingbach eine Geschichte von Wandel, Renaturierung und den Herausforderungen, Stadt und Natur in Einklang zu bringen. Doch wie viel Veränderung verträgt ein Bach – und wie viel Veränderung vertragen die Menschen?
Sind die Biber wirklich eine Bereicherung?
Sind neue Radwege notwendig?
Und wie gehen wir mit den wiederkehrenden Überflutungen um?
Diese Reportage beleuchtet die Diskussionen um ein ambitioniertes Projekt, das Naherholung, Natur und Hochwasserschutz in Einklang bringen soll. Es stellt sich die Frage: Wer profitiert wirklich von der Renaturierung und welche Auswirkungen hat der Veränderungsprozess auf die Region?
Bild: © Herbert Bergmann

Renaturierung ist das Wort des Jahres 2024. Doch schon seit mehr als 25 Jahren wird der Liesingbach im 23. Wiener Gemeindebezirk Liesing abschnittsweise renaturiert – mit finanzieller Unterstützung der EU und ambitionierten Zielen: mehr Grünraum, eine verbesserte Lebensqualität für Mensch und Tier und vor allem ein wirksamer Hochwasserschutz.
Doch das Großprojekt, das Vorzeigecharakter haben sollte, sorgt immer wieder für hitzige Diskussionen. Vor allem in Facebook-Gruppen prallen die Meinungen aufeinander.
Bild: © 2025 OpenStreetMap.org
Die Rückkehr der Natur




Leise gurgelnd fließt die Reiche Liesing von Kalksburg Richtung Rodaun durch eine kleine Au. Die Weiden mit ihren langen biegsamen Ästen und spitzen Blättern an den Ufern sind hoch gewachsen. Am Spazierweg am Bach ist es nie still – in Weißdorn- und Holunderbüschen und Hagebuttenhecken zwitschern und schilpen aufgeregte Schwanzmeisen und gelb-blaue Kohlmeisen, als führten sie eine hitzige Debatte.
Schnell wie Pfeile fliegen Eisvögel mit ihrem einzigartigen blauen Gefieder und tauchen in das fließende Wasser nach Fischen. Hier wirkt es, als hätte die Natur sich ihr Stück vom Bach zurückgeholt. Schon in den 1990er-Jahren begannen hier die ersten Schritte zur naturnahen Umgestaltung, um dem lange gezähmten Bach mehr Raum zu geben.
Unterirdisch eingezwängt in engen, dunklen Kanälen, verbaut und reguliert, liegen viele Gewässer in der Stadt im Verborgenen. Kaum jemand fragt sich, wo sie entspringen oder hinfließen. Doch der Liesingbach ist anders.
Auf 30 Kilometern durchfließt er zwei Wiener Bezirke, darunter auch den 23. Bezirk, dessen Namensgeber er ist, ehe er in Niederösterreich in die Schwechat mündet. Seine Quellbäche – die Dürre und die Reiche Liesing – entspringen im Wienerwald und vereinen sich im Bezirksteil Rodaun zu einem lebendigen Gewässer, das den Bezirk prägt.
Die Dürre Liesing, die in Trockenzeiten oft völlig versiegt, mündet in einen kleinen Tümpel, bevor sie sich mit der Liesing zum Liesingbach vereint. Die teils geschotterten und teils asphaltierten Spazierwege verbinden an vielen Stellen kleine Holzbrücken, die das Überqueren des Bachs zu Fuß oder mit dem Fahrrad ermöglichen. Dort, wo die beiden Bäche zusammenfließen, beginnt der Liesingbach – das langsame Plätschern weicht einem Mäandern. 2014 wurde die enge Pflasterung des Flussbetts entfernt und durch grauen groben Schotter ersetzt. Dem vorher starren Bachverlauf wurden kleine Buchten hinzugefügt und rund 350 Bäume wurden gepflanzt. So entstand neuer natürlicher Lebensraum für viele Arten. Smaragdgrün schillernde Prachtlibellen und andere Insekten, deren Larven wiederum Nahrung für Fische und Vögel sind. Fische mögen flaches Wasser, wo der Bach langsamer vor sich hinplätschert, besonders gerne.
Fische
Video: © Herbert Bergmann
Döbel (Aitel), Bachforellen und Regenbogenforellen leben im Liesingbach. Andy Pazmann warf, ein Jahrzehnt lang, seine Angel als Mitglied des Fischereivereins Liesing am Bach aus. Dann zerstritt er sich mit anderen Mitgliedern des Fischereivereins. Der Liesingbach war seit jeher das Zuhause der heimischen Bachforelle. Zunehmend wurden laut Andy Pazmann nordamerikanische Regenbogenforellen-Brütlinge ausgesetzt. Regenbogenforellen wachsen schnell und sind weniger sensibel, was ihren Lebensraum anbelangt. Da er sich für den Erhalt heimischer Arten einsetze, und das nicht mit den Maßnahmen des Vereins zusammenpasste, verließ er den Fischereiverein Liesing. Andy Pazmann befürchtet, dass die heimische Bachforelle in wenigen Jahren im Liesingbach ausgestorben sein wird. Ist der Wasserstand des Bachs niedrig, gebe es seiner Meinung nach zu wenige Möglichkeiten für Fische, um bachaufwärts zu gelangen. Das sieht er als Gefahr für den Fischbestand. Die MA45, Wiener Wasser, sieht das anders. „Die Fischbestände am Liesingbach haben eher zu als abgenommen. Es gab ein Fischmonitoring, indem nachgewiesen werden konnte, dass es gelungen ist, die Artenvielfalt und die Quantität zu erhöhen“, bezog Wilfried Fellinger von der MA45 dazu Stellung.
Fischer Andy Pazmann
Nach einer Kurve, umringt von grünen Wiesen und jungen Bäumen, gerät der Bach scheinbar ins Stocken. Feinmaschige Gitter umschließen die dünnen Baumstämme. Andere Stämme, die schutzlos sind, sind abgenagt und von kleinen Holzstücken im feuchten Gras umgeben. Hier hat der Biber sein Revier. Durch einen Damm, den der fleißige Biber Nacht für Nacht erweitert, wird der Bach aufgestaut. Über 10 Meter breit ist der gestaute Bereich, am Rand steht die aus unzähligen Ästen und Zweigen erbaute Biberburg. Die Natur ist zurück, aber auch erwünscht?
Die Biberburg
Video: © Melanie Tschiedel
Der aufgestaute Bereich sorgt schon seit längerem für hitzige Diskussionen – auch in diversen Facebook-Gruppen. Weil der Bach immer mehr Platz einnimmt, wurden neu angelegte Wege überschwemmt und unpassierbar gemacht. Für die Natur bringt das Vor- und Nachteile. Einerseits ist das ruhige Gewässer, das Wiesen überschwemmt, voller schmackhafter Regenwürmer und Insekten als Nahrung für Fische. Auch Vogelarten haben hier ein neues Brutgebiet gefunden. Andererseits gelangt Schotter in den Bach, wenn geschotterte Wege überspült werden. Das macht den Bach flacher und für Fische unpassierbar. Staut das Wasser zu lange, sinkt die Wasserqualität durch vermoderndes Laub. Nicht alle sind begeistert: Der Biber sorgt mit seinen hölzernen Dämmen und seiner massiven Burg für Diskussionen und praktische Probleme.
Im Jahr 2022 eskalierte der Konflikt: Im Schutz der Dunkelheit zerstörte ein Bagger die Biberburg. Das umliegende Gelände wurde verwüstet, erzählt Eleonora Kargl, Bezirksrätin (Die Grünen). „Die Spuren vom Bagger in der Wiese und die Zerstörung waren erst am nächsten Tag zu sehen. Das hat im Bezirksrat zu vielen Anfragen geführt“, sagt sie. Auch Andy Pazmann war vor Ort und versuchte Fische zu retten, die es nicht aus den aufgestauten Bereichen zurück in das fließende Wasser geschafft hatten.
„Das Problem bei der Biberburg ist, dass wenn sie nicht dem natürlichen Kreislauf, wie etwa Hochwasser, zum Opfer fällt und eineinhalb Vegetationsperioden stehen bleibt, kann das angestaute Wasser zu Unterspülungen der Uferbereiche führen. Die MA45 helfe hier der Natur nach und gibt dem Biber neue Aufgaben“, sagt Liesings Bezirksvorsteher Gerald Bischof (SPÖ), und meint damit den Abriss der Biberburg. Ist sie zerstört, kann der Biber mit dem Bau einer neuen Burg beginnen.
Den Biber stattdessen umzusiedeln, ist für Bischof keine Option. Nicht nur, weil die Tiere schwer zu fangen sind: „Biber sind territoriale Tiere – sie beanspruchen ihr eigenes Revier“. Doch nicht nur der Biber gestaltet den Liesingbach: Auch Naturgewalten und menschliche Eingriffe haben den Fluss über Jahrzehnte geprägt.



Über die Ufer
1951 trat nach tagelangen Regenfällen der Bach massiv über die Ufer. Straßen und Keller wurden überflutet, und zahlreiche Häuser entlang seines Verlaufs erlitten schwere Schäden. „Bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts war der Liesingbach ein richtiges Problemgebiet. Man sieht es ihm zwar nicht an, doch bei Starkregenereignissen konnte er sehr problematisch sein. Es ist kein Zufall, dass es in Inzersdorf eine Hochwassergasse gibt“, erzählt Gerald Bischof.
Seitdem wurde vieles unternommen, um die Hochwassersicherheit zu verbessern. Neben frühen Eingriffen wie den damals eingeführten Rückhaltesystemen werden heute moderne Methoden eingesetzt, um die Auswirkungen von Starkregenereignissen zu minimieren.
1951, Willer Gasse Hochwasser © Vintage 1230 – Damals im Bezirk
Das Hochwasser im September 2024 zeigte jedoch, dass trotz der bisherigen Maßnahmen immer noch Herausforderungen bestehen. Nach intensiven Regenfällen stieg der Pegel rapide an, überflutete Geh- und Radwege und verursachte Schäden, insbesondere an der Einmündung der Dürren Liesing, wo eine Böschung weggespült wurde.
Die aktuellen Ereignisse zeigen, wie wichtig die Kombination aus technischen Eingriffen, ökologischen Maßnahmen und regelmäßiger Pflege ist, um den Liesingbach zu einem sicheren und lebendigen Bestandteil der Stadt zu machen – für Anwohner*innen, Natur und den Bach selbst.
Video: © Herbert Bergmann
Renaturierung
Die Renaturierung des Liesingbachs begann bereits 1997 und wird seither schrittweise umgesetzt, um den kanalisierten Bach wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen. Ziel ist es, die ökologische Vielfalt zu fördern, den Hochwasserschutz zu verbessern und den Liesingbach als Naherholungsraum für alle zugänglich zu machen.
In der ersten Phase der Renaturierung wurden zahlreiche Abschnitte erfolgreich naturnah gestaltet: 1997: Bereich Willergasse – von „An der Au“ bis „Ambrossteg“ wurde der Liesingbach erstmals renaturiert.
- 2002–2006: Der Unterlauf des Liesingbachs wurde naturnah umgestaltet und parallel dazu ein Kanalbau durchgeführt.
- 2012: An der Jakob-Sommerbauer-Straße wurde die Sohlschwelle entfernt, wodurch der Liesingbach für Fische passierbar gemacht wurde.
- 2015: Im Bereich der Kaiser-Franz-Josef-Straße folgte eine weitere Etappe der Renaturierung.
- 2016: Mit der Umgestaltung der Gütenbachmündung wurde die erste Phase der Maßnahmen abgeschlossen.
Seit 2020 wird die Renaturierung im Rahmen einer zweiten Phase fortgesetzt, die sich auf noch nicht bearbeitete Abschnitte konzentriert. So wurde der Bauabschnitt 4, von der Karl-Sarg-Gasse bis zur Rudolf-Waisenhorn-Gasse, zwischen Oktober 2020 und April 2021 abgeschlossen. Parallel dazu wurde das Speicherbecken Gelbe Haide bis Herbst 2020 fertiggestellt.

© Burner83 at de.wikipedia
Im November 2022 begann die Umsetzung von Bauteil 1, der sich über 3 Kilometer von der Großmarktstraße bis zur Gutheil-Schoder-Gasse erstreckt und bis Herbst 2025 fertiggestellt werden soll. Darauf folgen die Bauabschnitte 2, 3 und 5, die bis 2027 realisiert werden sollen.

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass technische Schutzmaßnahmen allein nicht ausreichen. Die Renaturierung des Liesingbachs verfolgt nicht nur das Ziel, den Bachlauf natürlicher zu gestalten und Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen, sondern dient auch der Verbesserung des Hochwasserschutzes. Ein Flussbett mit Kiesbänken, flachen Uferzonen und natürlichem Pflanzenbewuchs wird durch Renaturierungsmaßnahmen in seinen ursprünglichen Zustand zurückgeführt. Dadurch werden ökologische Prozesse gefördert, wertvolle Lebensräume geschaffen und die Wasserrückhaltung sowie die Ableitung verbessert, was Überschwemmungen und die Folgen von Starkregenereignissen mindert. Doch genau hier zeigen sich auch die Herausforderungen: „Es ist schwer, zu renaturieren. Vor allem mit diesen Hochwassern, die immer mehr werden. Und die Hochwasser werden immer stärker. Hier prallt die Natur mit der Kultur aufeinander“, betont die grüne Aktivistin Brigitte Feuerbach. Es sei entscheidend den Bach langfristig widerstandsfähiger gegenüber den Herausforderungen des Klimawandels zu machen.
Um zu verstehen, warum Hochwasserschutz und Renaturierung heute so bedeutend sind, ist es wichtig, einen Blick zurück auf die Geschichte des Liesingbachs und die Herausforderungen zu werfen, die ihn über die Jahre geprägt haben.
Eingezwängt in Beton
1954, Liesinger Platz 2024 © Vintage 1230 – Damals im Bezirk

Der Liesingbach prägte über Jahrhunderte die Landschaft und das Leben der Menschen entlang seiner Ufer. Doch mit der zunehmenden Besiedelung begann ein Wandel. Die einst klare Strömung das Liesingbachs wurde trüb, und Krankheiten wie Cholera und Typhus breiteten sich aus. Mit dem Bau der ersten Abwasserkanäle in den 1940er Jahren wurde die Situation entschärft, doch die Spuren dieser Zeit blieben.
Um Hochwasser zu verhindern, wurde der Bach begradigt, sein Verlauf verkürzt, und das Bachbett mit Beton eingefasst. Abschnitte verschwanden unter der Erde. Diese Maßnahmen boten Schutz, zerstörten jedoch den natürlichen Charakter des Liesingbachs. In den 1980er Jahren wurden drei große Rückhaltebecken mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 300 Millionen Litern errichtet, um Wassermassen zu kontrollieren.

Ein verborgenes Netz unterstützt den Liesingbach heute in seiner Funktion: der Liesingtal-Kanal. Dieses unterirdische Bauwerk, das parallel zum Bach verläuft, wurde geschaffen, um die Wasserqualität nachhaltig zu verbessern. In seinem Inneren fließt das Regenwasser von Straßen und versiegelten Flächen, das früher direkt in den Bach gelangte. An den noch nicht renaturierten Abschnitten läuft das Wasser aus den Straßenkanälen noch immer ungefiltert in den Bach.

Liesing Bezirksvorsteher Gerald Bischof (SPÖ)
zum Thema Renaturierung

© Melanie Tschiedel
Heute wird dieses Wasser gesammelt und zur Kläranlage nach Simmering geleitet. Der Kanal verhindert nicht nur die Verschmutzung, sondern dient auch als Zwischenspeicher bei starken Regenfällen. Zusammen mit den Rückhaltebecken und den neuen Abwassersystemen ist der Liesingtal-Kanal ein wesentlicher Bestandteil der Maßnahmen, die den Liesingbach sauberer und sicherer machen sollen – ein unsichtbares Rückgrat für einen Bach, der sich seinen Platz in der Stadt zurückerobert.

Im weiteren Verlauf des Baches wird es dunkel und eng. Vor dem Liesinger Platz verschwindet der Liesingbach unter eine dicke Betondecke und verläuft unter starkbefahrenen Straßen und einem stark frequentierten Bahnhof.
Am Abgang zu den Bahnsteigen taucht der Bach aus der Dunkelheit wieder ins Tageslicht.
An den grauen Wänden aus Beton prangt in großen roten Buchstaben „Girl Power, jetzt sind wir am Zug“ und viele andere Graffitis in bunten Farben sind zu sehen.
Liesingbach: Ein Raum für alle?
Graffitis © Melanie Tschiedel
An diesem Knotenpunkt ist der Bach mehr als nur ein Gewässer. Im 23. Bezirk leben rund 120.000 Menschen – etwa 30.000 davon sind Kinder. Besonders für Jugendliche ist der Bereich am Liesingbach ein beliebter Treffpunkt. Rudolf Ulmer kennt den 23. Bezirk in- und auswendig. Er ist Streetworker – beinahe täglich im Bezirk unterwegs und spricht mit Teenagern.
Streetworker Rudolf Ulmer zum Thema
öffentlicher Raum am Liesingbach

© Melanie Tschiedel
„Konsumfreier öffentlicher Raum wird immer weniger“, erzählt der Sozialarbeiter. Durch die Verdichtung des Wohngebiets, die Verbauung und die steigende Anzahl an Menschen, die in der Stadt leben, wird es einfach enger. „Deshalb halten sich Jugendliche in einer Menge in dieser Dichtheit auf – immer da wo Dichtheit entsteht, kommt es natürlich vermehrt zu Auseinandersetzungen“. Entlang des Liesingbachs gibt es viele Parks, Spielplätze oder andere Stellen, an denen Jugendliche sich treffen. „Auf der einen Seite sagt die Gesellschaft Teenager prügeln sich nur oder nehmen Drogen. Halten sie sich dann aber am Bach auf und stören niemanden, stören sie dann aber doch wieder irgendjemanden und wir erhalten Anrufe mit Beschwerden“. Der öffentliche Raum am Liesingbach scheint hier doch nicht für alle da zu sein.
Entlang des Liesingbachs gab es schon mehrere Graffiti-Projekte, bei denen die Streetworker gemeinsam mit Teenagern, in Absprache mit der Bezirksvorstehung, der ÖBB oder der ASFINAG, auf Flächen gesprayt haben. Wichtig ist dabei Schutzausrüstung und das Bewusstsein bei den Teenies zu schaffen, wo sie sprayen dürfen und welche gesundheitsschädlichen Auswirkungen es haben kann. Die Reaktionen der Passant*innen sind überwiegend positiv – selbst ältere Menschen freuen sich über die farbenfrohen Kunstwerke an den sonst kargen Mauern und Wänden. Nur wenige würden sich beschweren und meinen, dass man Jugendliche so zum Vandalismus animieren würde. „Die Praxis zeigt, dass Jugendliche, die man einlädt, so kreativ zu werden, nicht die sind, die dann in der ganzen Stadt Tags machen“, erklärt Rudolf Ulmer und meint damit die Zeichen, die oft an Hauswände gesprayt werden. Verschiedene Meinungen gibt es nicht nur bei Graffiti. In Facebook-Gruppen, in denen sich Bewohner*innen aus Liesing vernetzten, gibt es oft teils hitzige Debatten über den Bach.
Ein Bach viele Meinungen
In vielen Facebook-Beiträgen gehen die Gemüter hoch. Häufig betrifft das Beiträge zu Müll, der von unachtsamen Menschen einfach in den Bach geworfen wird, buntschäumende Flüssigkeiten, die über den Kanal an nicht renaturierten Stellen in den Liesingbach gelangen oder aber große Mengen an steinhartem altem Brot, das aus vermeintlicher Tierliebe an Enten verfüttert wird, für diese aber schädlich ist.
Oft ist aber auch die Renaturierung der Dreh- und Angelpunkt dieser Diskussionen. Kaum wird von Nutzer*innen ein Absperrband oder ein Bagger gesichtet, wird das dokumentiert und allem voran kommentiert. Dabei wird häufig argumentiert, dass die Renaturierung nur rausgeworfenes Geld sei – vorher gab es begrünte Böschungen, die entlang des gepflasterten Bachbetts lagen. Nach der Renaturierung seien nur kleine verkümmerte Pflänzchen zu sehen, die der Witterung nicht standhielten. Die neu angelegten Wege würden abschnittsweise gleich wieder weggespült werden. Das Geld sie wieder zu errichten, sei reine Verschwendung.




Gerald Bischof erzählt, dass der betroffene Abschnitt 500 Meter lang sei und hier auch die Abteilung für Wasserbau dazu gelernt habe. Neue Büsche und Bäume brauchen zwei Vegetationsperioden, um zu wachsen, damit sie bei hohen Wasserständen nicht gleich wieder von der starken Strömung des Bachs entwurzelt und mitgerissen werden. Wie viel Wasser der Bach führt, lässt sich nicht beeinflussen. „An den neuen Stellen wird gar nichts begrünt, weil sich die Natur das selbst wieder zurückholt. Das geht zwar deutlich langsamer, ist aber wegspülsicher“, erklärt Gerald Bischof.
Auch beim Bezirksrat und den Grünen Liesing langen immer wieder Beschwerden ein. Eleonora Kargl von den Grünen denkt, dass Menschen einfach zu wenig über den Prozess der Renaturierung wissen. Dabei gäbe es ausreichend Möglichkeiten, sich zu informieren.
Einmal im Monat können im Informationszentrum B.A.C.H.L am Liesingbach in Inzersdorf Expert*innen Fragen rund um die Renaturierung des Bachs gestellt werden. Dazu kommen noch viele detaillierte Berichte in Regionalzeitungen und in den sozialen Medien. „Wir kommunizieren über alle Medien, die uns zu Verfügung stehen, bei so großen Projekten auch in überregionalen Medien wie dem ORF“, erklärt Gerald Bischof. „Ich habe aber über die Jahre bemerkt, dass es nicht einfach ist, die wirklichen Gimmicks, die die Renaturierung des Liesingsbachs mit sich bringen, wie beispielsweise die hohe Wasserqualität, zu kommunizieren. Wie man es tut, macht man es aber falsch…“, ergänzt der Bezirksvorsteher. Im Großen und Ganzen sei er aber sehr zufrieden und merkt an, dass wenige Themen so wenig polarisieren wie die Renaturierung des Liesingbachs – man könne es aber nie allen recht machen.

Der Liesingbach ist weitaus mehr als nur ein Gewässer. Wie seine reflektierende Wasseroberfläche, ist er ein Spiegel der Herausforderungen, die entstehen, wenn Stadt und Natur aufeinandertreffen – und erinnert daran, dass Veränderung alle betrifft. Sie braucht Zeit, Geduld und Kompromisse. Die Diskussionen über Biber, Baumaßnahmen und vermeintlich vergeudetes Geld zeigen nicht nur Konflikte, sondern auch den Wunsch der Menschen, gemeinsam einen Lebensraum zu gestalten. Und während der Liesingbach langsam plätschernd weiterfließt, erzählt er eine Geschichte von Wandel, Kompromissen und dem Streben nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur.
Video: © Herbert Bergmann
Text: Melanie Tschiedel, Anna Moser
Recherche: Melanie Tschiedel, Anna Moser
Audiobearbeitung: Anna Moser
Video & Schnitt: Melanie Tschiedel
Drohnen-Videomaterial: Herbert Bergmann
Grafik: Melanie Tschiedel
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Lehrveranstaltung Storytelling
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